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Raus aus dem Klassenzimmer – ab in die Natur!

Kinder brauchen Naturerfahrungen für ihre gesunde Entwicklung. Doch zunehmend kommen ihnen diese Erfahrungen abhanden. Smartphone, Computer & Co. scheinen Wäldern, Wiesen und Baumhäusern den Rang abgelaufen zu haben. Wir verraten Ihnen, warum Sie und Ihre Schützlinge so oft wie möglich in die Natur hinausziehen sollten.

Kinder brauchen Natur

Dreckverkrustete Schuhe, rote Wangen, zerzauste Haare und die Hosentaschen voller Kastanien – das klingt in Zeiten von Internet & Co. ein wenig wie aus einer vergangenen Epoche. Jedenfalls, wenn man Stimmen wie denen von Dr. Rainer Brämer oder Richard Louv zuhört. Beide teilen die Meinung – und nicht nur sie –, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung die Natur brauchen. Und beide sind besorgt, dass Kindern elementare Naturerfahrungen aus verschiedenen Gründen zunehmend abhanden kommen. Woran das liegen könnte und was Schule dazu beitragen kann, dass Kinder die positiven Auswirkungen der Natur (wieder) erleben können, möchten wir im Gespräch mit Lisa Vogel herausfinden.

Interview mit der Naturpädagogin Lisa Vogel


 

Lisa Vogel hat Biogeographie studiert. Nach ihrem Studium zog es sie zu den Bildungsmedien. Sie arbeitet unter anderem als freie Redakteurin beim Lernbiene Verlag. An der Naturschule Freiburg hat sie vor einigen Jahren eine Weiterbildung zur Naturpädagogin gemacht. Mittlerweile ist sie auch in diesem Beruf tätig und bringt Kindern die Natur näher. Lisa Vogel wohnt in Berlin.


Lernbiene: Frau Vogel, bitte stellen Sie sich unseren Lesern zunächst einmal vor  – wer sind Sie und was machen Sie beruflich?

Lisa Vogel: Mit meiner Arbeit möchte ich dabei helfen, dass Verbindung gelingt – zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Mensch und Mensch oder dem Einzelnen und sich selbst. Ich habe Biogeographie studiert und dabei auf einer wissenschaftlichen Ebene viel über Tiere, Pflanzen und Ökosysteme gelernt. Nach meinem Studium hat mich die Frage interessiert: Wie kommt dieses Wissen zu den Menschen, den großen und den kleinen? So kam ich zu den Bildungsmedien.

Als freiberufliche Lektorin und Redakteurin bearbeite ich zum Beispiel Materialien für die Sekundarstufe I und Grundschulen, unter anderem für den Lernbiene Verlag. Später habe ich eine Weiterbildung zur Naturpädagogin bei der Naturschule Freiburg gemacht und dadurch das Glück, Kindergruppen beim Entdecken, Erleben und Gestalten in der Natur begleiten zu dürfen. Oft sind das Grundschulklassen, die einen „Tag draußen“ verbringen. Nicht zuletzt bin ich auch Mutter zweier Kinder, die bei jedem Wetter mit dem Waldkindergarten draußen spielen.

Lernbiene: Der Marburger Professor Dr. Rainer Brämer und weitere Experten veröffentlichen im „Jugendreport Natur“ seit 1997 die Ergebnisse von Schülerbefragungen zum Thema Natur, Tiere, Pflanzen. Er und seine Mitstreiter haben bisher über 13.000 Schülerinnen und Schüler interviewt. Die Ergebnisse des aktuellen Jugendreports aus dem Jahr 2016 wirken alarmierend: So wissen nur noch 35% aller befragten Kinder und Jugendlichen, dass die Sonne im Osten aufgeht. Drei essbare Waldfrüchte können gerade einmal 12% aller Befragten korrekt nennen. Was lösen solche Ergebnisse in Ihnen aus?

„Nur 12% der Kinder können mindestens drei essbare Waldfrüchte nennen.“

Lisa Vogel: Es stimmt mich sehr nachdenklich, dass wir uns offenbar so weit von der Natur entfernt haben, dass dieses Wissen für viele nicht mehr notwendig ist, um durchs Leben zu kommen. Essbare von giftigen Pflanzen unterscheiden, sich anhand von Sonne oder Sternen orientieren oder die Rätsel entziffern, die die Tiere da draußen hinterlassen, – all das scheint in unserer Gesellschaft keinen sehr hohen Stellenwert zu haben. Es wird nicht mehr gebraucht. Sonst kämen solche Ergebnisse ja nicht zustande. Aber wie schade das ist, oder? Was da zum Beispiel alles verloren geht, wenn keiner mehr Holundersirup und Blaubeerpfannkuchen selbst macht! Ich bin überzeugt, dass wir dringend wieder erfahren sollten, dass wir die Natur brauchen, was sie uns alles geben kann und vielleicht auch, was wir der Natur zurückgeben können.

Lernbiene: Teilen Sie ähnliche Beobachtungen aus Ihrer Praxis als Naturpädagogin? Hat sich das Verhalten der Kinder, ihr Wissen um elementare Vorgänge in der Natur in den letzten Jahren verändert?

Lisa Vogel: Ich kann nicht sagen, wie das vor 20 Jahren war. Aber klar, manchmal kommen tatsächlich Kinder, die behaupten, sie waren noch nie im Wald. In einer Großstadt wie Berlin kann das vorkommen. Manche Kinder fürchten sich auch vor dem Wald, vor Wölfen, Bären, vor Zecken, Fuchsbandwürmern oder Mücken. Oft hört man auch ein „Iiiih!“ beim Anblick eines Krabbeltiers. Auf der anderen Seite begegnen mir auch Kinder, die mit sehr engagierten Lehrerinnen und Lehrern tolle Naturprojekte durchführen. Sie haben erstaunlich viel über heimische Tiere gelernt, erkennen mehrere Baumarten und drehen begeistert jedes Rindenstück um. Vor allem aber erlebe ich, dass die meisten Kinder sich gerne für die Natur begeistern lassen – wenn man sie nur lässt!

„Manchmal kommen tatsächlich Kinder, die behaupten, sie waren noch nie im Wald.“

Lernbiene: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass anscheinend doch einige Kinder Berührungsängste oder Unbehagen in Anbetracht der Natur an den Tag legen?

Lisa Vogel: Die Lebenswelt der meisten Kinder erfordert es heute einfach immer weniger, sich mit der Natur auseinanderzusetzen. Viele Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, gespielt wird im Haus, oft mit technischen Geräten oder es gibt viele festgelegte, recht naturfreie Freizeitaktivitäten in der Nachmittagsbetreuung oder im Verein. Wirklich freie Zeit, in der die Kinder durch den Garten, Park oder Wald streunen, gibt es doch immer weniger.

Den Eltern geht es oft ähnlich. Etwas überspitzt gesagt: Wenn ich sowieso mit Smartphone und Co navigiere, warum sollte es mich kümmern, dass die Sonne im Osten aufgeht? Oder: Wenn mein Essen ausschließlich aus dem Supermarkt kommt, wozu soll ich essbare Wildpflanzen kennen – wo doch sowieso überall der Fuchsbandwurm lauert? Warum wir dieses Wissen also trotzdem brauchen, was es uns nützt, wie es unser Leben bereichert, das lohnt sich, herauszufinden. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Kinder auch heute in der Natur so viel finden können, das sie anspricht. Hüttenbauen, Beerensuchen, Blätter sammeln und Durch-den-Wald-Pirschen sind alles andere als langweilig. Man muss den Kindern nur die Möglichkeit zu einer solchen Begegnung mit der Natur geben – und daran hapert es eben oft.

Lernbiene: Der amerikanische Schriftsteller Richard Louv hat mit seinem Buch „Das letzte Kind im Wald. Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!“ (Herder, 2013) ein leidenschaftliches Plädoyer darüber geschrieben, dass Kinder die Natur brauchen, um gesund aufwachsen zu können. Inwiefern wirkt sich der Aufenthalt in der Natur – ob der Spaziergang im Wald, das Klettern auf Bäume oder das „Steineflitschen“ am Wasser – so positiv auf Kinder aus? Welche positiven Affekte auf ihre seelische und körperliche Gesundheit hat die Natur?

Lisa Vogel: Auf Stämmen balancieren, auf Bäume klettern, Hänge runtersausen, Äste schleppen – natürlich schult so etwas das Gleichgewicht, gibt Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit. In Zeiten, in denen allgemein ein Bewegungsmangel und häufig Übergewichtigkeit schon bei Kindern beklagt wird, bietet die Natur schier unerschöpfliche Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten. Noch eine Sache finde ich ganz wichtig: In der Natur ist nicht alles schon fertig. Um aus Stöckchen und einem Stück Rinde ein Boot zu bauen, muss man ganz schön kreativ sein. Aus demselben Stück Rinde könnte auch eine menschliche Figur werden oder ein Fuchs.

Und dann gibt es noch etwas, das auf den ersten Blick keinen offensichtlichen Nutzen hat: die Wahrnehmung mit allen Sinnen. Wie fühlt es sich an, barfuß über das Laub zu gehen? Wie riecht die Erde im Herbst? Wie hört es sich an, wenn der Wind in den Baumkronen rauscht? Das sind Dinge, die uns Halt geben können im Leben. Außerdem glaube ich, dass Kinder nur durch die direkte Naturerfahrung lernen, sich als Teil der Natur zu sehen. So ist auch der Umweltschutzgedanke weniger abstrakt, wenn er mit konkreten eigenen Erlebnissen verknüpft wird.

„In der Natur ist nicht alles schon fertig. Man muss kreativ sein.“

Lernbiene: Wenn die Natur so wichtig für Kinder ist – was ist notwendig, um Kinder wieder (mehr) in Kontakt mit ihr zu bringen? Was können Erwachsene, speziell Lehrerinnen und Lehrer tun, um die Naturverbundheit von Kindern zu fördern?

Lisa Vogel: Zuerst einmal sollte, wer die Naturverbundenheit von Kindern stärken möchte, sich mit seiner eigenen Beziehung zu Natur auseinandersetzen, und die eigene Einstellung unter Umständen überdenken! Wenn Lehrerinnen und Lehrer bei einem Ausflug mit ihrer Klasse selbst große Scheu vor Insekten zeigen oder frierend von einem Bein aufs andere treten und am liebsten im warmen Klassenraum wären, dann wird der Funke nur schwer überspringen. Kinder brauchen Vorbilder.

Außerdem brauchen sie Zeit. Zeit, um selbst etwas zu erkunden, um draußen zu spielen. Damit die Kinder sich mit der Natur verbunden fühlen, braucht es eben mehr als nur Wissen. Echte Verbundenheit setzt einfach – wie jede Beziehung – gemeinsam verbrachte Zeit voraus. Zeit brauchen Kinder auch, um eigene Fragen zu entwickeln. Fragen sind unglaublich wichtig. Was ist das? Was sind das für komische rote Bälle an den Blättern? Was singt da für ein Vogel? In diesem Zusammenhang müssen es Lehrerinnen und Lehrer, die mit ihrer Klasse draußen sind, sicher auch aushalten lernen, nicht auf alles eine Antwort geben zu können. Und selbst, wenn sie es können, diese Antwort nicht immer allzu schnell zu geben. Wertvoll ist es doch, wenn die Kinder mit einigen Antworten und vielen neuen Fragen nach Hause gehen. Das motiviert zu echtem Lernen.

Lernbiene: Nun könnte man sagen, schön und gut – es gibt keinen Wald und keinen Park in Reichweite meiner Schule. Wie kann man auch dann so viel Natur wie möglich erlebbar machen, wenn die Schule mitten im bebauten Gebiet liegt?

Lisa Vogel: Wenn ein Ausflug in den Park oder den Wald so gar nicht möglich ist, dann muss man in der Tat erfinderisch werden und das Glück im Kleinen suchen. Aber ein paar Straßenbäume, die berühmten „Feuerkäfer“ (die eigentlich Feuerwanzen heißen), Spatzen, Wolken und Himmel gibt es eigentlich fast überall. Schauen Sie genau hin! Pflanzen Sie im Frühjahr einmal Sämlinge im Topf ein und sehen Sie mit Ihrer Klasse den Bäumchen beim Wachsen zu. Vielleicht findet sich auch auf dem Schulgelände ein Plätzchen für einen Mini-Schulgarten.

Spielen Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern zwischendrin Bewegungsspiele, die natürliche Vorgänge nachahmen und die auch auf dem kahlsten Pausenhof gespielt werden können, wenn nicht gar im Klassenraum. Lassen Sie Ihre Schülerinnen und Schülern zum Beispiel einmal den Jahreszyklus eines Baumes nachspielen. Bringen Sie Material zum Basteln und Befühlen mit: Kastanien, Herbstlaub, Eicheln oder eine Feder – was man einmal in den Händen gehabt hat, behält man besser im Gedächtnis. Und vielleicht ist doch wenigstens einmal im Jahr ein Ausflug in die Natur möglich. Manchmal erzählen Kinder ganz begeistert vom letzten Klassenausflug in den Wald und erinnern sich ganz genau daran, obwohl er ein Jahr zurückliegt.

„Lassen Sie Ihre Schüler zum Beispiel einmal den Jahreszyklus eines Baumes nachspielen.“

Lernbiene: Da der Winter vor der Tür steht – verraten Sie uns Ihre Lieblingstipps, wie man auch in der kalten und ungemütlichen Jahreszeit mit seinen Schülerinnen und Schülern interessante Dinge in der Natur erleben und beobachten kann?

Lisa Vogel: Das klingt jetzt vielleicht allzu einfach: passende Kleidung anziehen! Wer mit nassen Füßen im Nieselregen schlottert, der hat es schwer, sich auf Naturerfahrung einzulassen. Und natürlich: bewegen, bewegen, bewegen! Bei Kälte liebe ich Fang- und Laufspiele zum Aufwärmen. Spiele und Aktionen helfen, die Klasse in Schwung zu halten. Und wenn es dann auch noch schneit – umso besser! Dann lassen sich herrliche Tierspuren im Schnee verfolgen …

Lernbiene: Wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch.

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