Besser unterrichten, Souveräner Auftreten

Wie führe ich eine 1. Klasse?

Freuen Sie sich auch schon wieder auf die Erstis? Die Einschulung ist einfach eine ganz besondere Zeit: Es liegt so viel Aufregung, Neuanfang und Begeisterung in der Luft! Wenn Sie das Glück haben, im neuen Schuljahr eine erste Klasse begleiten zu dürfen, hat unsere Autorin Annette Holl hier noch ein paar tolle Tipps für Sie.

Interview mit Lernbiene-Autorin Annette Holl

Lernbiene: Liebe Frau Holl, haben Sie schon viele erste Klassen geführt? Was ist das Besondere daran?

Annette Holl: Schon im Referendariat war ich stundenweise in einer ersten Klasse eingesetzt. Als Lehrerin habe ich danach zwei klassische erste Klassen geführt. Seit einigen Jahren bin ich an einer Schule, an der wir durchgängig im jahrgangsgemischten Unterricht arbeiten (Deutsch und Mathematik im Familienklassenverband 1–4 und die Nebenfächer in den Kombinationen 1/2 bzw. 3/4). Insofern unterrichte ich seitdem nun also in jedem Schuljahr auch Erstklässler, neben Zweit-, Dritt- und Viertklässlern.

Das Besondere an Erstklässlern finde ich deren unglaubliche Verschiedenheit. Während das eine Kind schon allein zum Kindergarten gegangen ist, wurde das andere drei Jahre lang mit dem Auto gefahren. Während die eine Familie regelmäßig Hamburger und Pommes isst, pflegt die andere einen großen Gemüsegarten. Während ein Junge schon zig Vorschulbücher durchgearbeitet hat, im Fußballverein angemeldet ist und ein Instrument spielt, sitzt seine Klassenkameradin täglich zwei Stunden vor dem eigenen Tablet. Die Schulanfängerinnen und Schulanfänger sind sehr geprägt von den im Elternhaus vorgelebten Werten und Erziehungsmaßstäben, vom Alltag, den gemeinsamen Erfahrungen.

Lernbiene: Über welche Themen sollte man sich als neue Erstklässler-Lehrerin oder neuer Erstklässler-Lehrer vorab insbesondere Gedanken machen?

Annette Holl: Ein großes Thema ist die Einrichtung des Klassenzimmers. Welche Einrichtungsgegenstände sind an der Schule vorhanden, welche sind eine Anschaffung wert? Ich empfehle zum Beispiel Sitzsäcke für eine gemütliche Leseecke, Teppichfliesen für einen schnellen Sitzkreis, aber auch Buchständer zur Präsentation von Bildern oder das Platzieren von Aufgabenkarten für Werkstatt-Arbeit. Vorab sollte die Lehrkraft sich überlegen, wo Hefte, Bücher, Freiarbeitsmaterial oder auch die Wasserfarbenkästen, Zeichenblöcke und Turnbeutel verstaut werden (zum Beispiel in Ablagen, Stehsammlern, Boxen. Mein Geheimtipp ist ein Trockenwagen, in dem großformatige Bilder und Zeichenblöcke platzsparend und ohne Knittergefahr gelagert werden können :-)).

Das zweite große Thema ist die Sitzordnung. Sie sollte in Abhängigkeit von der Anzahl der Kinder in der Klasse, der Größe des Klassenzimmers, aber auch den geplanten Unterrichtsmethoden gewählt werden. So bietet es sich zum Beispiel an, die Lernenden an Gruppentischen zu platzieren, wenn man viel Werkstatt- oder Projektarbeit macht. Wer viel mit frontalen Phasen arbeitet, sollte hingegen darauf achten, dass der Blick zur Tafel frei ist und die U-Form oder Reihensitzweise auswählen. Und die Sitzplatzfrage muss geklärt sein: Suchen die Kinder sich ihren Platz frei aus oder kennzeichnen Namensschilder den Platz? Setzt die Lehrkraft Kinder, die sich aus dem Kindergarten kennen, nebeneinander oder trennt sie diese bewusst?

Des Weiteren gilt zu überlegen, ob man ein Patenschaftssystem etablieren möchte. Hierbei bekommt jede Erstklässlerin und jeder Erstklässler für den Verlauf des ersten Schuljahres ein Kind aus der dritten oder vierten Klasse als Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner. Das hilft zum Beispiel bei Streitereien in den Pausen. Außerdem treffen sich die beiden Klassen regelmäßig zu gemeinsamen Aktionen wie Vorlesen, Frühstücken oder Spielstunden.

Nicht zuletzt muss die Erstklässler-Lehrerin oder der -Lehrer eine Materialliste erstellen, ggf. einen Brief an die zukünftigen Schülerinnen und Schüler verfassen und ggf. ein Klassenmaskottchen aussuchen.

Lernbiene: Wie läuft die allererste Schulstunde mit der neuen ersten Klasse ab?

Annette Holl: Auch an meiner Schule, in der das Prinzip das altersgemischte Lernen ist, wird die erste Schulstunde speziell mit den Erstklässlerinnen und Erstklässlern zelebriert. Da sie für die Kinder der erste Moment ist, bei dem sie als Schülerinnen und Schüler auftreten, muss sie sehr gut vorbereitet sein. Das Klassenzimmer sollte in irgendeiner Form festlich dekoriert sein: Vielleicht ist eine Wimpelkette aufgehängt, auf den Tischen liegt für jedes Kind ein Glückscent bereit oder an der Tafel ist ein schönes Bild, das die Patenkinder gemalt haben.

Mir persönlich ist es wichtig, dass die Erstklässlerinnen und Erstklässler den ersten Schritt in ihr neues Klassenzimmer alleine gehen dürfen. Nach dem Unterricht erhalten die Eltern die Möglichkeit, sich das Klassenzimmer und den Sitzplatz ihres Kindes anzuschauen und Fotos zu machen.

Der Unterricht beginnt dann mit der Begrüßung. Anschließend kann die Lehrkraft zum Beispiel etwas vorlesen, eine Geschichte erzählen oder mithilfe von Bildkarten ein Lied oder einen Sprechvers mit Bewegungen einführen. Das Lied oder der Vers kann in den ersten Schulwochen zur Begrüßung ritualisiert werden. Es gibt viele Möglichkeiten. Eine Idee ist es zum Beispiel auch, die neuen Schulranzen der Kinder spielerisch in die Stunde mit einzubeziehen. Sie könnten damit zum Beispiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen, Gegenstände könnten so schnell wie möglich herausgekramt werden müssen und anschließend können die Kinder noch Sport mit den Schulranzen machen, zum Beispiel bei einem Slalomlauf oder Sprint durch eine Schulranzenreihe.

Grundsätzlich sollten die Kinder nach ihrer ersten Schulstunde mit einer ersten Hausaufgabe nach Hause gehen. Sie können zum Beispiel in einer Tabelle gute Wünsche von Verwandten, Freundinnen und Freunden für ihre Schulzeit sammeln oder ein Minibüchlein mit Bildern vom ersten Schultag gestalten.

Mein Tipp an alle, die zum ersten Mal eine erste Klasse unterrichten: Nehmen Sie sich nicht zu viel vor! Denn nach dem morgendlichen Trubel in der Familie und der Einschulungsfeier sind die Kinder schon voller neuer Eindrücke. Oberstes Ziel der Stunde sollte sein, dass die Schülerinnen und Schüler mit einem positiven Gefühl nach Hause gehen, auch wenn ggf. die Zeit für ein geplantes Arbeitsblatt nicht ausreicht oder durch ein weinendes Kind womöglich der ganze Plan über den Haufen geworfen werden muss.

Lernbiene: Können Sie unseren Leserinnen und Lesern erzählen, warum vor allem in der ersten Klasse immer viel im Stuhlkreis gearbeitet wird? Wie führen Sie den Stuhlkreis im Unterricht ein?

Annette Holl: Gerade für jüngere Kinder ist es wichtig, dass jedes etwas zu einem Thema sagen darf. Es bietet sich an, dass die Klasse sich für Einstiege, eine Erzählrunde, einen Reflexionskreis oder auch für Spiele zusammenfindet. Sie üben sich so in Grundregeln der Kommunikation, indem sie sich während des Sprechens anschauen und warten, während sie einem anderen Kind zuhören.

Den Stuhlkreis gut einzuführen, ist wichtig. Denn in einer ersten Klasse kann es sehr leicht in Tumult ausarten, laut werden oder lange dauern, wenn ein Stuhlkreis gebildet wird, weil es zum Beispiel Streit gibt, wenn ein Kind nicht neben einem anderen sitzen möchte, alle Kinder gleichzeitig herumgehen oder der Kreis löchrig oder eiförmig wird. Zur Einführung ist es (zumindest in der Anfangszeit) sinnvoll, den Schülerinnen und Schülern feste Plätze zuzuweisen. Hierzu können Sie Bildkarten auf die Stühle der Kinder sowie kreisförmig angeordnet auf den Boden kleben. Alternativ können Sie einen Kreis an die Tafel malen und farbige Punkte hinzufügen. Das Kind, das dieselbe Bildkarte beziehungsweise einen Punkt in derselben Farbe auf seinem Tisch hat, kommt mit seinem Stuhl nach vorne.

Ich setze meine Schülerinnen und Schüler übrigens gerne auf Teppichfliesen, da diese leiser sind, weniger Platz benötigen und für die Kinder leichter zu transportieren sind als Stühle.

Lernbiene: Sie arbeiten gern mit Ritualen, um den Unterricht zu strukturieren, den Kindern Sicherheit zu geben. Welche Rituale würden Sie für Klasse 1 ganz besonders empfehlen? Und warum?

Annette Holl: Ich finde einen ritualisierten Start und Abschluss der Woche sehr wichtig. Das kann zum Beispiel ein Erzählkreis am Montag sein, in den die Kinder einen Gegenstand mitbringen, der am Wochenende eine Bedeutung für sie hatte, wie etwa eine Kinokarte. Mithilfe des Gegenstandes erzählen sie. Oder einen Abschlusskreis am Freitag, bei dem auf Smileys platzierte Steine die Stimmungslage dokumentieren.

Geburtstage müssen zweifelsfrei besonders zelebriert werden (Wer freut sich nicht über „hausaufgabenfrei“ oder ein Präsent aus einer Schatzkiste?). Ein Ritual, das für Aufmerksamkeit sorgt, wie ein von der Lehrkraft geklatschter Rhythmus, und eines, das den Moment des Aufräumens entstresst, wie beispielsweise ein nebenher ablaufendes Aufräumlied, sollte auch unbedingt ausgewählt werden.

Der Begrüßung und Verabschiedung sollte besonderes Augenmerk geschenkt werden, indem die Lehrkraft zum Beispiel herumgeht und den Kindern begleitet von „Hi“ beziehungsweise „Tschüss“ plus dem Namen des jeweiligen Kindes die Hände schüttelt und so jedem ihre Wertschätzung entgegenbringt.

Lernbiene: In Ihrem neuen Ratgeber gibt es ein ganzes Kapitel zur Elternarbeit in Klasse 1. Was sollte man zum Beispiel beim ersten Elternabend beachten?

Annette Holl: Wie die erste Schulstunde sollte die Lehrkraft auch den ersten Elternabend ganz bewusst vorbereiten. Bislang konnten die Eltern beim Abholen ihres Kindes im Kindergarten „mal kurz“ Dinge mit der Erzieherin oder dem Erzieher klären. Die Erstklässler-Lehrerin oder der -Lehrer muss es schaffen, bei den Eltern, die ihr Kind ab jetzt an der Schultür abgeben müssen, ein Gefühl der Sicherheit zu erzeugen. Vorbereitete Knabbereien, auf der Fensterbank platzierte Bilderbücher zum Thema „Schulanfang“, die mit bunter Kreide auf die Tafel geschriebenen Namen der zukünftigen Schülerinnen und Schüler oder auf farbiges Papier kopierte Informationszettel vermitteln den Eltern Wertschätzung und ein Willkommensgefühl.

Der Elternabend sollte vor oder in der ersten Schulwoche, wenn möglich noch vor dem Einschulungstag, stattfinden. Die Lehrkraft sollte sich vorstellen und ihre Kontaktdaten ausgeben. Es sollte unbedingt ein Zeitfenster für eine Vorstellungsrunde der Eltern geben. In erster Linie dient der Abend dann der Bekanntgabe von Informationen bezüglich des ersten Schultages, dem Austeilen der Materialliste und des Stundenplans. Außerdem sollten die Lerninhalte in Deutsch und Mathe grob skizziert und Schulbücher und Arbeitshefte kurz vorgestellt werden. Möchte die Lehrkraft mit speziellen Methoden arbeiten, die auch zu Hause zum Einsatz kommen werden, wie zum Beispiel Silbenkarten oder Rechenplätzchen, sollten diese erläutert werden. Die Elternvertreterwahl und eine Fragerunde der Eltern stellen in der Regel den Abschluss des ersten Elternabends dar.

Lernbiene: Dann bleibt uns nur noch, Ihnen viel Erfolg und Spaß mit den neuen Erstklässlerinnen und Erstklässlern zu wünschen! Vielen Dank für das Gespräch!

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