Für Grundschuleltern

So viel Übung haben Grundschulkinder in den Sommerferien nötig

Ganz klar: Grundschulkinder brauchen regelmäßige Erholungszeiten, in denen sie sich fern von der Schule, den Hausaufgaben und Lehrkräften ihren Freund*innen und Hobbies widmen, in den Urlaub fahren oder einfach zu Hause entspannen. Leider ist es für das Gehirn aber nicht förderlich, wenn es eine Weile weniger beansprucht wird.

Annette Holl, Grundschullehrerin, kennt diesen „Ferieneffekt“. Viele ihrer Schülerinnen rechnen nach den Sommerferien langsamer, schreiben krakeliger und machen mehr Rechtschreibfehler als davor. In diesem Beitrag gibt sie Ihnen einige Tipps, wie Sie mit sanftem Lernen verhindern können, dass die ersten Wochen im neuen Schuljahr für Ihr Kind zum Schockerlebnis werden, weil es vieles, was es doch eigentlich schon gekonnt hat, wieder vergessen hat.

Muss jedes Kind in den Ferien lernen?

Bevor Sie nun sofort damit beginnen, ein umfangreiches Lernprogramm für Ihr Kind zusammenzustellen, sollten Sie zunächst überdenken, wie es eigentlich um seine schulischen Leistungen, seine Leistungsbereitschaft und seine Motivation für die Schule steht.

  • Ist Ihr Kind (sehr) gut in der Schule und hat es ein hervorragendes Zeugnis mit nach Hause gebracht? Dann ist es sicherlich nicht nötig, dass es Schulstoff wiederholt. Gehen Sie aber auch in den Ferien mit ihm in die Bücherei, in den Zoo oder ins Museum. Die Anregungen zum spielerischen Ferienlernen, die ich Ihnen weiter unten vorstelle, machen ihm sicherlich Freude.
  • Erbringt Ihr Kind durchschnittliche Leistungen in der Schule, kann es hilfreich sein, wenn Sie gelegentlich einige Basisübungen mit ihm machen. Achten Sie außerdem darauf, dass es regelmäßig liest, fragen Sie auch die Malreihen ab und lassen Sie es immer wieder etwas schreiben (Einkaufszettel, E-Mails o. Ä.).
  • Haben Sie ein (sehr) leistungsschwaches Schulkind, so ist es sicherlich recht entkräftet in die Ferien gestartet. Denn ein normaler Unterrichtstag, Klassenarbeiten und Hausaufgaben strengen es stärker an als andere Kinder. Deshalb muss es sich in den Sommerferien unbedingt erholen. Trotz alledem ist es aber absolut notwendig, dass Sie in einem gesunden Maß mit ihm üben. So verhindern Sie, dass es den Anschluss an den Rest der Klasse verliert. Ein Ferienlernplan (siehe meine Tipps dazu weiter unten) kann hierbei sinnvoll sein.

Profi-Tipp: Ich habe eine Checkliste für Sie zusammengestellt mit deren Hilfe Sie herausfinden können, ob Ihr Kind in den Sommerferien etwas für die Schule üben sollte oder ob Sie es eher langsam angehen lassen können.

Wann sollte ihr Kind lernen?

  • Sofern es Ihre Urlaubspläne zulassen, sollten die ersten zwei oder gar drei Wochen übungsfrei sein. So kann Ihr Kind zunächst einmal etwas durchatmen. Zudem hat es das frisch geübte Wissen dann bei Schulbeginn präsent.
  • Die Wochenenden sollten unbedingt lernfrei bleiben.
  • Grundsätzlich bietet sich der Vormittag zum Lernen an, weil es in der Regel am Nachmittag warm bzw. heiß ist. Allerdings kann es je nach Familiensituation auch günstiger sein, wenn am Nachmittag gelernt wird (z. B. während des Mittagsschlafs des Geschwisterkindes).
  • Oberstes Gebot sollte sein, dass das das Feriengefühl Ihres Kindes durch das Lernen nicht zerstört wird und es eine Art „zweite Schulzeit“ erlebt. Beschränken Sie die Lernzeit auf etwa 60–80 Minuten pro Tag.
  • Die Lernzeit muss nicht zwingend am Stück erfolgen. So kann z. B. am Vormittag eine Dreiviertelstunde aus den Schulbüchern gelernt werden, das Einmaleins jeden zweiten Tag zehn Minuten nach dem Mittagessen abgefragt werden und dann am Abend noch eine Viertelstunde Lesen angesagt sein.

Was sollte Ihr Kind lernen?

  • Überlegen Sie sich vor Ferienbeginn, was Ihr Kind in den Ferien üben soll. Schauen Sie sich hierzu seine Hefte, Mappen und Ordner aus dem vergangenen Schuljahr an. Hatte Ihr Kind in speziellen Fächern oder bei bestimmten Themenbereichen besondere Probleme, können Sie diese gezielt mit Ihrem Kind üben.
  • Hat Ihr Kind Übungshefte für die einzelnen Fächer? Oftmals sind am Ende des Schuljahres noch einige Seiten leer oder einzelne Aufgaben nicht bearbeitet. Diese können nun zur Ferienübung genutzt werden.
  • Alternativ können Sie die Lehrkraft vor Ferienbeginn noch um Arbeitsblätter oder ggf. auch Schulbücher bitten. So können Sie sicher sein, dass Ihr Kind mit unterrichtsrelevanten Materialien übt.
  • Nicht zuletzt bietet das Internet eine Vielzahl an Möglichkeiten, um für Ihr Kind Aufgaben oder Arbeitsblätter herunterzuladen.

Profi-Tipp: Wahrscheinlich bricht Ihr Kind nicht in Jubelschreie aus, wenn es erfährt, dass es auch in den Ferien lernen soll. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Schulsachen für sechs Wochen komplett wegzupacken. Kaufen Sie stattdessen spezielle Übungshefte für seine Klassenstufe (verschiedene Verlage bieten hier z. B. Ferien-Übungshefte an).

Wie sollte es lernen?

Lernen mit einem Ferienlernplan
  • Es ist sinnvoll, wenn Sie dem Lernen einen strukturierten Rahmen geben. Kaufen Sie Ihrem Kind deshalb für seine Ferienübungen ein Extraheft – optimalerweise eines mit einem Umschlag in seiner Lieblingsfarbe. Alternativ können Sie Ihr Kind das Heft auch mit einem selbst gemalten Bild oder ein paar peppigen Stickern verzieren lassen.
  • Drucken Sie die Vorlage für den Ferienlernplan (ggf. mehrmals) aus. Die Vorlage ist für eine Woche bzw. fünf Lerntage konzipiert. Lassen Sie diesen von Ihrem Kind in sein Ferienlernheft kleben.
  • Neben das jeweilige Datum notieren Sie dann zu den Problemfeldern Ihres Kindes Übungen aus den Schulbüchern oder Übungsheften mit Seitenzahl und Aufgabennummer. Schreiben Sie alternativ/zusätzlich Titel von Texten auf, die sich für Abschreibübungen oder Diktate eignen. Oder geben Sie die Nummer/die Überschrift der Arbeitsblätter an, die Sie kopiert oder aus dem Internet heruntergeladen haben.
  • Ist Ihr Kind fertig mit einer Aufgabe, wird diese als „erledigt“ abgehakt.
  • Während der Übungszeit bearbeitet Ihr Kind nun seine Aufgaben. Überlassen Sie ihm dabei bitte, in welcher Reihenfolge es dies macht. Das fördert seine Selbständigkeit und gibt dem Ganzen einen etwas weniger „verschulten Touch“. Es ist auch denkbar, dass Ihr Kind ganz frei darüber entscheidet, was es an welchem Tag macht. Dann sollten Sie allerdings eine bestimmte Aufgabenzahl (z. B. 3) vorgeben, damit es nicht an einem Tag sehr wenig macht und dann an einem anderen einiges nachholen muss.
  • Nach Beendigung der Arbeitsphase sollte Ihr Kind sich selbst einschätzen, wie es ihm beim Üben ergangen ist. Dazu kreuzt (oder malt) es den passenden Smiley an und schreibt kurz auf, welche Probleme es ggf. hatte (z. B. „Das schriftliche Dividieren fällt mir noch schwer.“).

Profi-Tipp: Wie motivieren Sie Ihr Kind für seine Ferienarbeit? Nutzen Sie doch ein Belohnungssystem: Kleben Sie z. B. für jeden Lerntag, den es hinter sich gebracht hat, einen Aufkleber auf ein Blatt Papier. Dieses hängt gut sichtbar am Kühlschrank, der Pinnwand im Flur oder der Kinderzimmertür. Was bekommt Ihr Kind, wenn es seine zwei oder drei Lernwochen durchgezogen hat? Sehr schön ist eine nicht-materielle Belohnung wie beispielsweise eine gemeinsame Aktivität, die dann ein wunderbarer Abschluss der Ferien sein kann. Alternativ können Sie für jede Zwischenetappe, also eine Lernwoche, eine Kleinigkeit wie etwa einen neuen Bleistift mit witzigem Design bereithalten.

Spielerisches Lernen

An Regentagen oder wenn alle Freund*innen verreist sind, kann schon mal Langeweile aufkommen. Anstelle von Fernsehen oder Tablet bieten sich folgende Aufgaben an, bei denen Ihr Kind sich ganz nebenbei mit Lesen, Schreiben und Rechnen beschäftigt.

  • Ferientagebuch: Kaufen Sie ein schönes Büchlein. Lassen Sie Ihr Kind einen schönen Umschlag gestalten. Darin kann Ihr Kind nun jeden Tag in einem kurzen Bericht festhalten, was es in den Ferien erlebt hat. Mithilfe selbst gemalter Bilder, Fotos, Eintrittskarten usw. wird das Ganze zu einer wunderbaren Erinnerung.
  • Rechnend durch die Wohnung: Sie benötigen lediglich einige Zettel und Gummibärchen und schon kann der Rechenspaß beginnen. Schreiben Sie „Start“ auf einen Zettel und auf die Rückseite eine Rechenaufgabe. Auf einem zweiten Zettel steht die Lösung. Auf der Rückseite desselben eine andere Aufgabe usw. Auf die Rückseite des letzten Zettels schreiben Sie „Ende“. Verteilen Sie die Zettel in der Wohnung. Ihr Kind pirscht los und sucht – beginnend beim „Start“-Zettel – immer die nächste Lösung, bis es zum letzten Zettel („Ende“) kommt. Dort findet es zur Belohnung noch ein paar Gummibärchen.
  • Heute bin ich mal der*die Reiseführerin: Ihr Kind soll mithilfe von Prospekten, Flyern oder Informationen aus dem Internet Ausflugsziele in Ihrer Umgebung sammeln. Es ist verantwortlich dafür herauszufinden, wie Sie dorthin gelangen, wie viel Eintritt es kostet, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit das Ausflugsziel geöffnet hat usw. Sicherlich wird es Ihnen voller Stolz alles erklären, wenn Sie wirklich vor Ort sind! Ein großes Eis oder eine leckere Pizza werden Sie demder kleinen Reiseführerin sicherlich gern spendieren.
  • Die gute alte Postkarte: Auch wenn es mit Messangerdiensten oder E-Mail schneller geht, eine Postkarte ist noch immer ein unschlagbarer Feriengruß, egal ob aus dem fernen Urlaubsland oder von zu Hause. Eine schöne Postkarte lässt sich überall finden. Bei uns in der Familie ist es Pflicht, dass jedes Kind aus dem Urlaub jeweils eine Karte an die Großeltern und die Patentante schreibt. Vielleicht etablieren Sie dieses Ritual auch in Ihrer Familie? Wenn dann vielleicht sogar noch eine weitere Postkarte für dieden besten Freund*in herauskommt, ist das doch mehr als genial.
  • Nummernschilder-Wettbewerb: Sie haben ein Vorschul- oder Erstklasskind im Auto sitzen? Dann verkürzen Sie sich die Zeit bis zum Reiseziel doch mit einem Rechenspiel. Lassen Sie es die Ziffern auf den Nummernschildern vorbeifahrender Autos addieren. Sitzen vielleicht sogar mehrere Kinder im Auto, können Sie daraus auch einen Wettbewerb machen: Wer findet das Nummernschild mit der höchsten Summe?
  • Lesen ist Pflichtprogramm: Damit Ihr Kind in seinen Lesefähigkeiten während der Sommerferien nicht um Monate zurückgeworfen wird, sollten Sie unbedingt darauf bestehen, dass es in den Ferien mindestens an jedem zweiten Tag liest, hin und wieder unbedingt auch laut. Vielleicht gestalten Sie das Ganze etwas ferientauglicher, indem Ihr Kind ein Comicheft oder eine Kinderzeitschrift lesen oder sich eine spezielle Ferienlektüre im Buchladen auswählen darf.

Bildquellen:
Hausaufgaben © Guido Grochowski_stock.adobe.com_76167444
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Junge liest Buch © S.Kobold_stock.adobe.com_65020949

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