Für Grundschuleltern

Heimunterricht: Plötzlich Lehrer*in für die eigenen Kinder?

Die Schulen sind geschlossen. Auf einmal müssen die Eltern Heimunterricht für die eigenen Kinder abhalten. Unsere Autorin und Grundschullehrerin Annette Holl hat selbst Kinder im Schulalter. Wie sie die Lage bei sich zuhause meistert und wie Homeschooling in jeder Familie klappt, erzählt sie im Interview – um Mut zu machen, wie sich Heimunterricht möglichst nervensparend und dennoch lerneffektiv gestalten lässt.

Interview mit Grundschullehrerin und Mutter Annette Holl

Lernbiene: Wegen des Coronavirus sind die Schulen geschlossen, die Kinder sind zu Hause. Viele Eltern arbeiten im Homeoffice, müssen sich konzentrieren. Keine einfache Situation! Wie erleben Sie das derzeit?

Annette Holl:  Ganz ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal meine eigenen Kinder unterrichte! Auch als Lehrerin ist die Situation nicht einfach. Und ich bin dafür ausgebildet. Da kann ich völlig verstehen, wenn andere Eltern, die jetzt im Homeoffice nebenher noch ihre Kinder beaufsichtigen sollen, an ihre Grenzen geraten. Ich hoffe, dass ich solchen Eltern hier ein paar Tipps geben kann. Gleich vorweg will ich aber auch sagen, dass Perfektion in der jetzigen Situation nicht das Ziel sein kann. Es geht nicht darum, Tipps 1:1 zu übernehmen. Jeder sollte schauen, was für ihn selbst aktuell realistisch ist.

Lernbiene: Aus dem Bauch heraus, was wäre spontan Ihr wichtigster Tipp für den Heimunterricht?

Annette Holl: Bloß nicht erwarten, als Elternteil die Arbeit der Lehrerin oder des Lehrers ersetzen zu müssen! Eltern sollen auch nicht ständig Lerninhalte nur abfragen und kontrollieren. Die Aufgabe der Eltern sollte vielmehr darin bestehen, dafür zu sorgen, dass das Lernen zuhause möglichst störungsfrei verläuft und ihr Kind weitestgehend selbstständig lernt. Es geht darum, dass alle versuchen, in dieser ungewohnten Situation ihr Bestes zu geben und nicht um Perfektionismus.

Lernbiene: Was und womit sollte gelernt werden?

Annette Holl: Das Lernmaterial sollte von der Lehrkraft bereitgestellt werden. Ist dies nicht der Fall, sollten Eltern dies auch einfordern. Auch die modernen Medien können im Heimunterricht sehr nutzwertig eingesetzt werden. So gibt es hervorragende Lernapps, es können Informationen zu Sachtexten im Internet gesucht werden oder beispielsweise Vokabeln mittels Sprachmemo gelernt werden. Diese Möglichkeiten sollten aus meiner Sicht jedoch nur unterstützend oder ergänzend und nicht als Ersatz für die schulischen Lernmaterialien eingesetzt werden.

Lernbiene: Welche Rolle haben die Lehrkräfte der Kinder in Zeiten des Heimunterrichts?

Annette Holl: Nach wie vor eine wichtige! Der Heimunterricht sollte unbedingt in Absprache mit den Lehrkräften des Kindes erfolgen. Nun sollten Eltern auch nicht ständig zum Telefonhörer greifen. Es ist besser, das Anliegen zum Beispiel per Mail zu schildern und um einen Rückruf zu bitten. Dann kann die Lehrkraft sich vorbereiten, gegebenenfalls Material heraussuchen und hat außerdem genügend Zeit für das Gespräch. Auf einen Nenner gebracht: Stimmen Sie sich mit den Lehrkräften ab!

Lernbiene: Also müssen Eltern nicht in die Rolle der Lehrerin oder des Lehrers schlüpfen?

Annette Holl: Eltern sollen das Lernen im Prinzip nur beaufsichtigen und keine neuen Lerninhalte einführen müssen. Ist dies dennoch der Fall und sie sind unsicher, ob sie eine Lerntechnik richtig erklären – so wird heute z. B. die schriftliche Subtraktion anders vermittelt als zur eigenen Schulzeit – sollten Eltern sich aus der Verantwortung nehmen und die Lehrkraft kontaktieren. So verhindern sie, dass sie selbst und ihr Kind unter Stress geraten.

Lernbiene: Was empfehlen Sie Eltern, die den Eindruck haben, dass es mit dem Lernen bei ihren Kindern gerade nicht weit her ist?

Annette Holl: Auch bei auftretenden Lernproblemen sollten Eltern sich mit der Lehrkraft austauschen. Wie würde die Lehrerin oder der Lehrer in der Schule auf diese Lernschwierigkeiten reagieren? Möglicherweise ist es in diesem Alter auch ein häufig auftretendes Problem und gar nicht so gravierend? Auf jeden Fall sollten Eltern nach konkreten Übungstipps fragen. Die Lehrkraft gibt ihnen dann bestimmt Hinweise für weitere Arbeitsblätter oder andere Übungsmöglichkeiten.

Lernbiene: Werden wir mal konkret – wie kann ein Tag mit Heimunterricht gestaltet werden? Können Sie uns ein Beispiel beschreiben?

Annette Holl: Normalerweise ist der Tagesablauf eines Grundschulkindes durch Schulzeiten und Freizeitverpflichtungen wie Sportverein oder Musikschule getaktet. Es ist wichtig, dass Eltern in der momentanen alltagsuntypischen Lage die Tage strukturieren. So geben sie ihrem Kind Halt und Orientierung. Am besten legen Eltern eine feste Frühstücks- und Lernzeit fest. Der Heimunterricht sollte spätestens gegen 9 Uhr gestartet werden und bis etwa 12:30 Uhr andauern.

Lernbiene: Was ist mit Hausaufgaben?

Annette Holl: Klassische Hausaufgaben gibt es natürlich in dieser Zeit nicht. Doch bis zum Abend sollte es für die Kinder ein zweites, kürzeres Lern-Zeitfenster geben von etwa 1,5 Stunden. In dieser Zeit können Aufgaben erledigt werden, die vormittags nicht geschafft wurden. Oder die Kinder nutzen diese Zeit für das Lernen mit Online-Plattformen. Der Rest des Nachmittags sollte für freie Aktivitäten oder gemeinsame Aktionen genutzt werden:

  • freies Spiel, auch mit elektronischen Medien
  • (Video-)Telefonate mit Freunden und Verwandten
  • basteln
  • mindestens 30 Minuten Bewegung an der frischen Luft
  • in Maßen fernsehen
  • Briefe schreiben
  • backen, kochen

Jeden zweiten Tag sollte das Kind außerdem etwa 15 Minuten in einem Buch oder der Tageszeitung lesen. In Klasse 1 und 2 sollten Eltern außerdem noch Zeit für das gemeinsame (Vor-)Lesen finden. Gegen 21 Uhr sollte das Kind im Bett liegen.

Lernbiene: Wie beginnt man den Heimunterricht?

Annette Holl: So wie ein Schulvormittag häufig mit einem Begrüßungsritual begonnen wird, sollte auch der Heimunterricht einen Rahmen haben. Zu Beginn wird ein Tagesplan erstellt: Welche Aufgaben nimmt das Kind sich für heute vor? Hat es noch unvollständige Aufgaben vom vorherigen Tag, die beendet werden müssen? Es ist sinnvoll, sich morgens zunächst einen Überblick über anstehende Aufgaben zu verschaffen.

Lernbiene: Was sollte während des Heimunterrichts noch beachtet werden?

Annette Holl: Abwechslung ist sehr wichtig. Die durchschnittliche Konzentrationsspanne eines Grundschulkindes beträgt 20 Minuten. Nach einer konzentrierten Arbeitsphase sollte daher etwas anderes folgen.
Hier bieten sich z. B. diese Dinge an:

  • das Unterrichtsfach wechseln
  • eine andere Aufgabe wählen (z. B. nach der Addition Geometrie machen)
  • eine kurze Bewegungseinheit, z. B. zehn Kniebeugen machen oder über den Schulranzen hüpfen
  • frische Luft durch Öffnen des Fensters oder kurz vor die Tür gehen
  • eine kurze Pause mit einem Obstsnack machen

Lernbiene: Wie beendet man den Heimunterricht?

Annette Holl: Nach Beendigung des Heimunterrichts sollte eine kurze Auswertung stattfinden. Mögliche Fragen sind:

  • Wie ist der Tag gelaufen?
  • Was hat sich im Gegensatz zum vorherigen Tag verbessert oder verschlechtert?
  • Wo sind Schwierigkeiten aufgetreten?
  • Was hat Spaß gemacht?

Bei Schwierigkeiten sollte gemeinsam überlegt werden, woran es gelegen haben könnte (z. B. zu viele unterschiedliche Übungen). Schön ist es, wenn ein Ziel für den Folgetag vereinbart wird: „Morgen beginne ich mit dem Aufsatz.“ oder „Morgen versuche ich vier Subtraktionsauf-gaben mehr zu rechnen als heute.“

Lernbiene: Sollen Eltern die Aufgaben der Kinder eigentlich kontrollieren?

Annette Holl: Eltern müssen die Aufgaben ihres Kindes nicht vollständig kontrollieren. Lediglich kleinere Fehler (Rechtschreibfehler, Zahlendreher, unsaubere Buchstaben) sollten zu Hause verbessert werden. Die Lehrkraft sollte dafür sorgen, dass sie die Aufgaben ihrer Schülerinnen und Schüler auch tatsächlich bekommt und Rückmeldung dazu geben kann (evtl. per Einwurf in den Schulbriefkasten, an die Tür gehängte Tasche usw.).

Einige Lehrkräfte bleiben auch regelmäßig über das Smartphone oder per E-Mail in Kontakt mit ihren Schülerinnen und Schülern und lassen sich z. B. Ergebnisse per Video-Anruf von den Kindern vorlesen und/oder vorzeigen. Auch bei Verständnisfragen können so einfach Videos oder Fotos vom Lernzwischenstand zwischen den Kindern und den Lehrkräften ausgetauscht werden.

Lernbiene: Wie viel positives Feedback brauchen die Kinder von ihren Eltern?

Annette Holl: Grundschulkinder sind es gewohnt, regelmäßig Rückmeldung von ihrer Lehrkraft zu bekommen. Elterliches Lob ist generell ein wichtiger Motivator für jedes Kind. Eltern sollten jedoch darauf achten, ihr Kind nicht permanent für Dinge zu loben, die selbstverständlich und einfach sind. Nicht nur das Endziel sollte im Fokus stehen, zum Beispiel das ordentliche Heft, sondern die Schritte dahin sind mindestens so wichtig: „Toll, dass du heute mit Lineal unterstrichen hast.“
Und warum nicht auch einmal das Lob der Oma einholen, indem das Kind ihr in einem per WhatsApp verschickten Video seinen Aufsatz vorliest? Oder auf dem Sideboard eine Ausstellung mit allen erledigten Arbeitsblättern der Woche machen?

Lernbiene: Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind wenig Motivation zeigt?

Annette Holl: Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie versuchen, eine feste tägliche Übungszeit mit dem Kind oder den Kindern umzusetzen.
Ein Belohnungssystem, bei dem das Kind für jede absolvierte Übungseinheit einen Sticker in den Kalender klebt und am Ende der Lernwoche eine kleine Belohnung erhält, kann helfen.

Bei aller Konsequenz im Zeitplan sind natürlich Ausnahmen möglich, wenn das Kind an einem Tag sehr unkonzentriert oder müde ist. Dann sollten Eltern die Übungszeit einfach abkürzen, aber nicht ganz ausfallen lassen.

Lernbiene: Vielen Dank für das nette Gespräch und die tollen Tipps!

Tipp: Eine PDF-Version des Interviews können Sie sich hier kostenlos herunterladen.

 

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